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Soziales Erbe zu beforschen - jenen Prozeß der Tradierung von historischen und kulturellen Überzeugungen als Übertragung von Werten, Einstellungen und Grundorientierungen von Generation zu Generation innerhalb einer Familie zu postulieren und auch noch im Ergebnis aufzuweisen - trifft in unserer sozialen und sozialwissenschaftlichen Gegenwart auf den Ort einer heftigen Kontroverse gegenwärtigen Umgangs mit Lebens- und Zeitgeschichte. Denn mit dieser Annahme und diesem Aufweis stößt Meinrad Ziegler auf ein latentes Tabu gegenwärtiger sozialer und wissenschaftlicher Vergangenheits„bewältigung“: das Tabu der wirklichen und wirksamen Verbindung von Vergangenheit und Zukunft in einer konsequenten, aktiven Gegenwart.
Zwischen Geschichtslosigkeit und linear-kausalem Historismus finden sich derzeit alle Angebote einer Erklärung für die politischen und persönlichen Ereignisse des ausgehenden Jahrhunderts. Skizziert man diese kontroversen Deutungsangebote nur grob, wird schon sichtbar, daß sich keine Lösung in einer Entscheidung für die eine oder die andere Auslegung als „richtigere“ auffinden läßt, sind doch bereits alle diese Erklärungen zur nachträglichen Umschrift von Wirklichkeiten mißbraucht worden:
Geschichtslosigkeit ist der eine Lösungsauftrag für historische Entwicklungszusammenhänge. Ihr Angebot besteht in der Festschreibung von Gegenwart als alleinig wirksame und zu beachtende Wirklichkeit. Was jetzt geschieht, ist durch das unmittelbar Vorangegangene innerhalb dieses Jetzt vollständig erfaßbar, Kommendes daraus entwerfbar. Der selbstproduzierte rasche Wechsel sozialer Verhältnisse gilt als menschliches Naturgesetz einer additiven Ansammlung voneinander unabhängiger Gegenwärtigkeiten. Damit wird eine Ungebundenheit von Herkunftsmilieu, von psychosozialer Ausstattung und von individueller Begabung postuliert, und jeder menschlichen Beziehung und Entwicklung wird Kurzlebigkeit und Zufallslogik als Natur des Humanum zugeschrieben.
Das implizite und offen angestrebte Ziel dieses Zeiterlebens ist die persönliche und kollektive Befreiung aus einer ungeliebten, wenig herr(schaft)lichen und erfolgsarmen Herkunft mithilfe einer generellen Streichung der Elterngenerationen. Nicht Gezeugt-, Geboren- und Ausgestattetsein auf einen zu findenden, sinnvollen Lebensgebrauch hin, ist die Voraussetzung für Wachstum, sondern die freie Selbsterfindung „Mensch“ als Produkt nach ökonomischen Regeln des Erwerbs von Reife. Was mangelhaft ausgestattet oder entwickelt ist, muß neu erschaffen werden. Auch Psychoanalyse sieht sich vor die wachsende Erwartung an sie als rasch wirksames Psycho-Management gestellt. Und längst sind auch die Wissenschaften mehr mit „qualifizierter Wissensproduktion“ beschäftigt als mit der Auffindung des Wißbaren in gegenwärtigen und vergangenen Wirklichkeiten.
Management statt Entwicklung gestaltet das tägliche Leben in Arbeit und Freizeit - angeleitet durch rentable Input-Output-Verhältnisse von Förderung und Erziehung. Weder in der Entwicklung der Kinder noch in der Entwicklung von Forschung gelten längerfristige Prozesse. Qualitätssicherung soll hier wie dort garantieren, daß Kinder auf kürzesten Wegen gesellschaftlich nutzbringende Fähigkeiten erwerben und die Wissenschaften ihre ergebnisträchtigsten Zweige verfolgen und auf den Ballast von Grundsatzreflexionen verzichten. Wertvoll ist, was neu erschaffen wird, Überliefertes erscheint negativ, Gedenken fortschrittshinderlich, Bedächtigkeit gilt als Feigheit, wiederholtes Fragen als Dummheit und Vergangenheit als Kerkerkugel am Bein bemißtrauter Genialität.
Wiesehr auch immer das Erschrecken über das Schuldigwerden des Menschen am Menschen in den letzten und vorletzten Vergangenheiten den Wunsch nach Neubeginn als tabula rasa einfühlbar macht, zeitigt dieser Wunsch zugleich eine generelle Leugnung von Vergangenheit aus narzißtischer Wut heraus, nicht mit der wahren genialen Herkunft ausgestattet zu sein, die ein Leben lang Fehlerfreiheit garantieren könnte. Haben die Eltern nicht die wahre Abstammung mit Erfolgsgarantie geliefert, werden sie als schuldhaft Gewordene gelöscht und wird das eigene Sein neu erfunden - konzipiert als das wartungsfrei fehlerlose Menschsein, das keiner Entwicklung bedarf und daher nie so grausam schuldig werden kann.
Was passiert hier mit Zeit? Zukunft wird mit machbarer Gegenwart gleichgesetzt, Vergangenheit geleugnet und fast panisch gemieden. Eigene Entwicklung aus vorgefundener Herkunft wird bemißtraut und die Last des eigenen Wachsens und Wollens mithilfe psychosozialer und kultureller Tötung von Elternschaft und Geschichte abgeworfen. Der narzißtischen Selbstgeburt aus der je neuen Gegenwart steht nichts mehr im Wege. Soziales Erbe gibt es nicht, auch nicht jenes Erbe einer in der Vergangenheit enthaltenen besseren Zukunft, die unbewußt geblieben ist oder schuldhaft versäumt wurde. Zeit gibt es nur mehr als augenblickshaften, perpetuierten Neuanfang, der in keiner wirklichen Zukunft ankommen darf, denn Nachhaltigkeit beeinträchtigt die Allgegenwart uneingeschränkter Konstruktionen.
Nun zum zweiten Deutungsangebot für Zeit- und Lebensgeschichte, dem linearen Historismus, der mit linearer Kausalität jeweilige Gegenwarten ausschließlich aufbauend aus den vergangenen Fakten und Prozessen erklärt. Dabei soll in keiner Weise der Tatsache historischer Kausalitäten widersprochen werden. Als universeller Erklärungszwang allerdings erspart er sich, die Entwürfe und Erwartungen vergangener Generationen als Wirklichkeiten miteinzubeziehen und nicht nur gehandelte äußere Realitäten gelten zu lassen. Im linearen Historismus wird aus der Tatsache von Herkunft und Kausalität bereits eine Unterworfenheit unter zirkuläre Wiederholungszwänge postuliert - als Ringschluß linearer Abläufe. Entwicklung läuft aber nicht in geschlossenen Ringen, auch Fehlentwicklung letztlich nicht. Größere Prozesse menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung lassen sich nicht mit dem Blick aus dem Jetzigen in der damaligen Wirklichkeit dadurch begreifen, daß Vergangenheiten aus dem Fehlen des Gegenwärtigen heraus definiert werden mithilfe rückprojizierender Interpretationen. Die Logik und Vernetztheit größerer Zeitabschnitte sind durch lineare historische Denkweisen genausowenig in den Blick zu bekommen wie durch eine vergangenheitslose Gegenwartskausalität.
Linearer Kausalitätszwang würde z.B. in der Betrachtung von Kindheitsgeschichte die „animistische“ Beziehung eines Kleinkindes zum Mond, von dem es sich allabendlich verabschiedet, ausschließlich aus der fehlenden Rationalität begreifen. Das Fehlen erwachsener Rationalität beim Kleinkind entspricht aber nicht dem Wesen des kindlichen Bezogenseins in diesem Alter. Eine richtige Detailbeobachtung am Kind wird verabsolutiert, indem eine erwachsene Gegenwart als Endpunkt postuliert wird, zu dem hin historische Prozesse aufbauend definiert werden. Eine Weiterentwicklung über die postulierte Gegenwart hinaus in eine Zukunft wird nicht miteinbezogen, so wie auch Vergangenheiten nicht als jeweils bereits Gegenwart gewordene Zukunft der Vorvergangenheit mitbegriffen werden.
Linearität als einzige Kausalerklärung gesellschaftlicher Prozesse schließt Entwicklung aus, da sie kein Neues enthält und die latente Zukunftsqualität in den Vergangenheiten nicht als Wirklichkeit vorsieht. Eine solchermaßen bio- und soziographische Überdeterminiertheit gibt keine Orientierung für Kommendes als kreative Veränderung. Neues kann sich immer nur als schon Bekanntes entlarven.
Das inhärente Ziel dieses Erklärungansatzes ist die Fortschreibung des immer Gleichen, das sich bestenfalls in sich wandelnden Maskierungen als Entwicklung ausgibt. Es kann nichts Besseres kommen, als jetzt ist oder damals war, der festgelegte Gegenwartsendpunkt darf nicht überschritten werden. Resignation und Hoffnungslosigkeit sind die „redliche“ Folge aufgeklärter Rationalität, Zukunft ist aus Vergangenheit und Gegenwart wegrationalisiert. Der Mensch bleibt Objekt der Vergangenheit, ihr Produkt. Soziales Erbe bleibt Wiederholung. Die Last des eigenen Wachsens und Wollens kann als utopischer Ballast abgeworfen werden.
Beide Formen gegenwärtigen Umgangs mit Lebens- und Zeitgeschichte trennen Vergangenheit und Zukunft in unverbundene Räume, beziehungslos auseinandergestellt, um dazwischen Handlungsraum freizulassen für die narzißtischen Reparationsversuche der historischen Kränkungen. Dabei macht es letztlich keinen Unterschied, ob man die Lösung des ökonomisch produzierten Selbstmanagers wählt oder die des historisch-resignierten Untergangspropheten - in beiden Fällen entfällt Entwicklung und wird ersetzt durch die Erzeugung von Selbstbildern. Und in beiden Fällen gibt es keinen verbindenden Zeitbogen und damit keine Tradierung sozialen Erbes.
Ich denke, es ist nun deutlich genug, worin die Kontroverse gegenwärtiger Umgangsformen mit Lebens- und Zeitgeschichte besteht, in die Ziegler seine Arbeit stellt und sich dabei eben nicht interpretatorisch in eine falsche Entscheidungslogik zwischen Vergangenheitsdominanz oder Zukunftsproduktion einspannen läßt.
Auf mehrfache Weise bewahrt sich der Autor den immer neu fragenden Zugang zu seinem Gegenstand, dem sozialen Erbe.
Schon die Grundfrage nach der Art und Weise, in der Männer und Frauen in ihren individuellen Lebensentfaltungen beeinflußt werden von familiär vermittelten Sinnorientierungen und kulturellen Werten, ist so gefaßt, daß sie sowohl den Blick auf die Tatsache von Tradierung und Tradierungsprozessen als auch auf die individuell konkreten Erfahrungen mit Art und Inhalten der Tradierung im sozialen Erbe richtet. D.h. daß der Autor nicht nur der Fragende im Ich-Es-Bezug zu seiner Sache ist, sondern zugleich der jeweils Befragte, der in einem sich entwickelnden Dialog mit der befragten „Sache“ - ihren Personen - selbst angeleitet wird.
Tradierung wird über drei Generationen einer Familie verfolgt. Jeweils zwei Personen aus einer Generation - zwei Großmütter, ein Elternpaar und deren zwei erwachsene Kinder (Sohn und Tochter) - werden auf ihre subjektiven Erlebnisse und ihr Verständnis von Herkunft, Familie, Gesellschaft und eigene Lebensplanung sowie auf ihre Erfahrungen in besonderen historischen Phasen wie der NS-Zeit und der 68iger Bewegung hin interviewt.
Da Ziegler das Befragen als prozeßhaftes Geschehen begreift, bleibt der gesamte Zeitbogen der erzählten Geschichte erhalten. Für die drei Generationen, die in einem gemeinsamen Zeitraum unterwegs sind, stellen doch die Ereignisse selbst einen jeweils anderen Ort in ihrer Lebensgeschichte dar, so daß sich in den Vergangenheiten das Zukünftige ebenso mitausdrückt wie im Gegenwärtigen das je Vergangene. Es wird nicht eine Gegenwart als Orientierungspunkt ausgegeben, an der sich Vergangenheit und Zukunft als Mehr oder Weniger definieren, sondern die jeder Generation eigene Sinnlogik gesucht, die durch andere Zeiten ergänzt wird.
Dabei kommt nicht nur dem Inhalt als erzähltes äußeres oder inneres Ereignis Bedeutung zu, sondern auch der Darstellungsweise - der narrativen Struktur - durch die Interviewten selbst im Kontext der Szene. Die bewußte bzw. unbewußte Darstellung der Erfahrungen und Geschichten als Szene in der Interviewsituation gibt wie ein Subtext des sprachlich ausgedrückten Inhaltes ebenfalls Auskunft über Wünsche, Ängste, Erwartungen und Vermeidungen der Befragten, über die Motive ihres Handelns und Begreifens.
Die Beachtung der Logik des Zusammenhangs zwischen Inhalten und Erzählformen, Text und Szene verhilft wiederum dazu, das wissenschaftliche Fragen vor einer Einengung auf zu rasche Offensichtlichkeiten zu bewahren und diese Ebenen als begreifendes Überprüfen füreinander zu bewahren.
Da der Interviewer selbst Teil der Szene ist und stellvertretend Gefühle, Ansichten und Vermeidungen übertragen bekommt, ist er als Forscher selbst Material zur Erfassung der Sinnlogik, die er reflexiv und intuitiv auffinden muß. Der selbstreflexive Umgang mit seiner Art des Fragens oder Reagierens auf Antworten, mit seinen bevorzugten Interpretationen und hypothetischen Vorannahmen wird so zum unverzichtbaren Teil dieser qualitativen empirischen Methode. Um diesen Umgang nachvollziehbar und verifizierbar zu halten, macht Ziegler seine Gedankenabläufe und Intentionen sichtbar vor dem jeweiligen angedachten inhaltlichen Hintergrund. Auf diese Weise wird seine Art des Fragens an den Leser weitergegeben, der damit eingeladen bleibt zur Teilnahme am Verlauf und zur Hinzufügung eigener szenischer Beteiligung.
Für die Interpretationsarbeit ergibt sich aus dem vielschichtigen Herangehen in der Materialerhebung ein mehrfach umkreisendes Darstellen und Interpretieren. Das bedeutet, daß weder eine reine Datensichtung noch eine reine Texthermeneutik allein zur Erfassung der Vielschichtigkeit der Beziehung zwischen Inhalt und dazugehöriger Psychodynamik herangezogen werden kann. Die erzählten Ereignisse selbst, die je subjektive Geschichte darüber und der in den Lebensgeschichten sichtbare psychosoziale Entwicklungsprozeß sind als einander zugeordnete Wirklichkeiten begriffen. Da entfällt der müßige Kampf zwischen nomothetischen und hermeneutischen Wirklichkeitsauffassungen - da Realität und Erzählung einander bedingen und aufeinander verweisen unabhängig davon, wieviel vom Netzwerk dieser Beziehung jeweils als Wirklichkeit begreifbar wird. Soziales Erbe zeigt sich als Wirksamkeit aus beiden und gibt in der Beziehung der Person zur Welt - wie verdeckt auch immer - Auskunft über sich selbst, die beteiligten Personen, deren Inhalte und psychosoziale Dynamik.
Szenisches Verstehen und tiefenhermeneutische Analyse jedenfalls werden von Ziegler zu einer qualitativen Vorgangsweise des Verstehens verbunden, die das intuitive Erfassen mit der reflexiven Überprüfung und Zuordnung verknüpft. Auch hierin findet sich wieder die Erhaltung des offenen Fragens, das nach jeder reflexiven Umkreisung des konkreten befragten Abschnittes hilft, nicht mit vorzeitiger Abstraktion das Erkannte einzugrenzen, sondern sich neu überraschen zu lassen von weiterführenden Verknüpfungen oder korrigierendem Sinn.
Der beforschte Inhalt soll nicht der Theorie angepaßt werden, sondern die Theorie dem Inhalt dienen als Wahrnehmungsboden, auf dem sich die Vielschichtigkeit abbilden kann, und als äußerster Zusammenhalt subjektiver Ordnungslogik. Damit dabei nicht der Inhalt an der subjektiven Erwartungslogik des Forschers anhaftet, der in der qualitativen Forschung immer beteiligtes Werkzeug sein muß, hat der Autor „wissenschaftliche Begleitung“ in einer psychoanalytischen Forschungssupervision genommen. Nach der stringenten Auffassung des gesamten Forschungsprozesses als Entwicklungsprozeß vor dem Hintergrund des sozialen Erbes aller Beteiligten - also auch des Erbes des Forschers - war in der Forschungs-supervision die „Szene“ des Forschens und Denkens mit seinen emotionalen Beteiligungen, wie sie sich in den reflektierten Inhalten und im Supervisionsgespräch selbst äußerten, Gegenstand der Betrachtung. Dabei zeigte sich, wie hilfreich die Vernetzung der Erfahrungen, Haltungen und Gefühle der interviewten Familienmitglieder mit der Gegenübertragung des Autors wurde für das Auffinden von Unausgesagtem, Unbewußtem und Ambivalentem, in dem sich die Konflikthaftigkeit in den Übernahmeprozessen von sozialem Erbe ausdrückt. Was Ziegler zu Beginn seiner Arbeit beschreibt als sein Lernen, „die soziologische Denkweise näher an psychoanalytische Kategorien und Konzepte heranzuführen“, geschah somit auf doppelte Weise: in der Mitreflexion psychoanalytischer Blickwinkel auf Inhalte und Szenen und zugleich im Miterfassen eigener Betroffenheiten als psychische Antwort auf die übertragenen Unausgesprochenheiten der Familienmitglieder wie auch auf die eigene lebensgeschichtliche Erfahrung der Übernahme und Transformation von sozialem Erbe. Daß dabei auch gegenwärtige kollektiv angebotene Umgangsweisen mit Vergangenheiten, wie ich sie eingangs skizziert habe, ad hoc mitgedacht werden mußten, ergibt sich aus der Notwendigkeit, einen sozialwissenschaftlichen Forschungsprozeß immer auch als an je gegenwärtigen kollektiven Verdrängungen und Mythenbildungen beteiligt zu begreifen und unter ethnopsychoanalytischem Blickwinkel auf diese Beteiligung hin zu hinterfragen.
Fasse ich den Grundzug der forschenden Haltung von Ziegler zusammen, wie sie sich aus der Begründung seiner Entscheidung für eine interpretative Fallstudie, aus seiner Darlegung der Relevanz lebensgeschichtlicher Erzählungen und aus der Reflexion seiner methodischen Konzepte der Datenerfassung und der szenischen und tiefenhermeneutischen Interpretation ergibt, so besteht sie gerade in jener offenen Fragehaltung, die sich sowohl in der Datenerhebung als auch im interpretatorischen Umgang mit den erfaßten Erzählungen aus den drei Generationen zeigt.
Dabei entgeht der Autor in seinem wiederkehrenden Fragen der Falle einer falschverstandenen dialektischen Aufhebung des bereits Erkannten in rasch wechselnden Antithesen und stellt das Erkannte in Kontext zur jeweils neuen Frage. Daß mit der Wiederherstellung des Fragens nicht jedes Interpretationsergebnis automatisch wieder aufgehoben ist, ist kein Widerspruch sondern eine Konsequenz aus der umkreisenden Annäherung an das Thema und Material. Denn wo gelten darf, daß die Erforschung von Kultur immer unvollständig bleibt, bleibt der Wert des gewählten Ausschnittes für das Ganze erhalten, ohne für das Ganze gehalten zu werden. Wissenschaftliche Evidenz muß nicht im vorweggenommenen Kampf gegen drohende Falsifizierbarkeit nach Absicherungen in der Abstraktion suchen, sondern kann in der ungekränkten Gewißheit der Ergänzbarkeit und Erweiterbarkeit aller Ergebnisse im Interesse an der Sache bleiben. Die darin enthaltene Vollständigkeit des je gegenwärtigen Ergebnisses begründet sich aus der Ausrichtung nach beiden Seiten des Forschungsprozesses als Zeitablauf: da ist Herkunft aus Wissenschaftstradition und Umformung dieses Erbes genauso enthalten wie die noch nicht eingetretene Zukunft kommender Forschungen und Erweiterungen. Das offene Fragen ist darin die Sicherung von Gegenwart als Bindeglied und Wirkort von Vergangenheit und Zukunft. Forschen in diesem Sinn meidet die Einseitigkeiten von Geschichtslosigkeit und linear-kausalem Historismus.
Nach diesem äußeren Ring der Betrachtung der vorliegenden Arbeit Zieglers aus dem Blickwinkel psychoanalytischer Forschungsbegleitung bleibt noch, eine Verbindung herzustellen zur familiären Tradierung von sozialem Erbe angesichts der beschriebenen kollektiven Angebote zwischen Geschichtslosigkeit und Zwang zum Historismus.
Familiäre Tradierung zeigt sich über die drei Generationen hinweg als Vermittlerin kollektiv gelebter und individuell möglicher Haltungen, wie sie der jeweiligen Gruppierung der Generationen entspricht. Dabei ist in der älteren Generation das erwünschte oder verlassene Familien„wir“, an dem das Ich Anteil hat, Träger der Werthaltungen, während sich in der mittleren Generation das Ich bei der Transformation des Erbes am Wir-Ich der gleichaltrigen Gruppe (der 68iger) orientiert und die Reflexion darüber als Werthaltung an die jüngere Generation weitergibt.
Diese Vermittlung ist aufgefädelt auf der Linie eines Entwicklungsprozesses von einer mehr handlungsnahen zu einer mehr und mehr reflexiv werdenden antizipierenden Beteiligung des Individuums an seiner je gegenwärtigen Lebensgeschichte, das Ich wird vom Objekt der aktiven Geschichte zunehmend zum aktiven Subjekt der Geschichte. Was Ziegler im Zusammenhang mit der Versozialwissenschaftlichung psychosozialer Bezüge in den 70igern beschreibt, geht mit einer Dominanz reflexiver Lebenspraxis einher, die als Sicherung einer Wertorientierung in Zusammenhang steht mit der Sicherung eigener Entwicklung und der Beeinflussung kollektiver Geschichte. Dabei wechselt die Bedeutung der Reflexion ihren Standort von Generation zu Generation. So ist sie in der älteren Generation als nachträgliche, individuelle Betrachtung und Konsolidierung von Lebensgeschichte in den Erzählungen sichtbar - wie ein Lernen der Großmütter aus dem Standort der Kinder -, in der Geschichte selbst aber lediglich handlungsleitend praktisch wirksam in Veränderungswunsch und beruflichen Entscheidungen. Für die mittlere Generation ist Reflexion von zentralem Wert für die Lebensplanung, die Gestaltung der Beziehungen und das individuelle Selbstbild. In der jüngsten Generation schließlich zeigt sich Reflexion als allgemeingültige Verbindlichkeit, die für die eigene Lebensplanung gilt, aber keine sichere inhaltliche Orientierung bringt.
Daraus wird sichtbar, daß aus der Weitergabe reflexiver Orientierung an Inhalten zunehmend eine Orientierung an „Reflexion“ selbst als inhaltsneutraler Prozeßhaftigkeit wird, die selbst auf Suche nach ihren Inhalten gehen muß. Intuitive Gewißheit über das eigene Sein und Werden wird als geringerwertige Ichleistung der Reflexion untergeordnet, die ihrerseits erst über Existenz oder Nichtexistenz von Fühlen und intuitivem Erfassen entscheidet. Reflexion als Denkprozeß wird als Gesamtwert seelischer Entwicklungsleistung ausgegeben und per Bildungssystem institutionalisiert.
Damit leitet sich eine Verabsolutierung reflexiven Denkens ein. Was sich denken läßt, gilt als richtig und handlungsleitend, ob das Ergebnis dem menschlichen Wachsen dient oder nicht. Da keine menschliche Entwicklung schadlos dem denkerischen Kalkül folgen kann, steht die konkrete gegenwärtige oder vergangene Entwicklung den gedachten Entwürfen als Artefakt im Weg. Aus der daraus entstehenden Kränkung des Ich, angesichts seiner gedachten Bilderwelt nie richtig und gut genug zu sein - nicht schnell und fit, nicht erfolgreich genug - entsteht ein unlösbares Defizit, das nicht mehr im Wir-Ich einer Protestbewegung Einbettung und aktive Veränderung finden kann, sondern auf individuelle und zunehmend intrapsychische Verarbeitung verwiesen ist.
Damit stellt sich die Frage neu, auf welche Zukunft des Reflektierens dessen gegenwärtig zentrale Positionierung verweist. Aus der mittleren Generation als Hoffnung auf Befreiung vor Verführung durch falsche Werte tradiert, gerät Reflexion zunehmend aus der dem Leben dienenden Position in eine doppelte Herrschaftsposition: Wirklichkeit erhält nur in reflektierter - gespiegelter - Form Gültigkeit und gilt als reflektierte zugleich als vollständig entschlüsselt. Fühlen und Intuieren, wie sie in jedem Fragen und in jeder Abduktion enthalten sind, werden als unreflektiert bemißtraut. Ziel verabsolutierter Reflexion ist somit die Legitimierung von Denken zur Entwurfsmaschine des richtigeren Menschen im Falle der Geschichtslosigkeit und die Einkürzung von Denken zur Archivierungsanlage unveränderter Wiederkehr von Vergangenem im Falle des Historismuszwanges. Dabei bleibt es für die Machtposition der Reflexion ohne Bedeutung, ob Reflexion im guten Sinne tatsächlich geleistet oder bloß vorgegeben wird. Der Aufruf zur Reflexion wird mit Vernunft gleichgesetzt und wirkt allenthalben wie ein Gesetz, das von den widersprüchlichsten inhaltlichen Positionen aus als „richtig„ urgiert werden kann. Ein Aufruf zu Fühlen und Intuition nähme sich dagegen bloß anachronistisch, unökonomisch aus. Die solchermaßen allgegenwärtige Reflexion ist keine aufklärerische mehr, da sie nicht im Dienst menschlichen Wachsens steht, sondern in sich kreist. Als tradiertes Erbe wird sie zugleich äußeres Gesetz wie innerer Zwang.
So zusammengefaßt wird in Zieglers soziologischer Forschung auf vielfältige Weise sichtbar, daß sich im sozialen Erbe zunehmend mehr Haltungen und Denkstrukturen als Wertinhalte tradieren, die in der Übernahme und Transformation dieses Erbes durch die junge und vielleicht auch nächste Generation erst individuell gefüllt werden müssen mit erfahrenen und erkannten Werten. Dem einzelnen Ich kommt die Aufgabe zu, die Reflexion als kollektiv propagiertes Gesetz über dem Ich zu transformieren und wieder für das ganze Ich und seine Beziehungen in den Dienst zu nehmen.
Damit kommt der bewußten Übernahme des sozialen Erbes eine wesentliche Bedeutung für eine Gegenwart zu, welche die Vergangenheit und Zukunft jenseits von narzißtischer Selbsterschaffung und fatalistischer Endzeithistorie neu zusammenzubinden hat. Welcher Stellenwert dabei der Wiederherstellung des wirklichen Befragens von Vergangenheit und Zukunft zukommt, wird entlang der Arbeit Zieglers vorstellbar. Dem offenen Fragen würde ein Begreifen zuwachsen, das eine Entwicklung in der Gegenwart wiederherstellen könnte. Aus der Empfehlung von Geschichtslosigkeit könnte die darin verzerrt enthaltene Zuversicht und Hoffnung auf kreative Veränderung und Wandlung in tatsächlich Neues herausgelöst werden und sich mit der verborgenen Gewißheit aus dem linear-kausalen Historismus verknüpfen, daß die Annahme der eigenen Herkunft die Chance enthält, sich als Kontinuum aus gewünschter gelungener und mißlungener Geschichte, aus subjektiver Gegenwart und erreichbarer Zukunft zu begreifen und einzusetzen. Vergangenheit und Zukunft wären in gegenwärtigen Dialog gebracht, das latente Tabu ihrer wirksamen Verbindung aufgehoben.
Edith Frank-Rieser
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