
Die Anfänge des Innsbrucker Arbeitskreises (IAP) gehen bis in die
Jahre nach dem 2. Weltkrieg zurück. In den Kriegsjahren selbst konnte
dem Interesse an den Erkenntnissen und Methoden der in der NAZI-Zeit verfolgten
Psychoanalyse nur unter vorgehaltener Hand und unter Umgehung der untersagten
Fachtermini nachgegangen werden. Gleich danach im Jahr 1945 fanden sich
Interessenten verschiedener Herkunftsberufe zusammen, um psychoanalytisches
- damals "tiefenpsychologisches" - Wissen für die Behandlung
von psychisch Kranken in der psychologischen Praxis und in der psychiatrischen
Klinik zu etablieren und nutzbar zu machen. Professor Hubert Urban, damaliger
Leiter der psychiatrischen Abteilung in Innsbruck, der sich in ungewöhnlicher
Weise für alternative Methoden der Behandlung psychischer Erkrankungen
einsetzte, holte den tiefenpsychologisch orientierten Psychologen Eduard
Grünewald, der mit Vinzenz Neubauer bereits eine psychologische Praxis
führte, an seine Klinik und begründete ein psychotherapeutisches
Kolloquium zur Fortbildung aller seiner Mitarbeiter. 1946 konnte er den
klinisch erfahrenen Psychoanalytiker Igor A. Caruso aus Wien als Leiter
an seine neugegründete psychotherapeutische Ambulanz bringen. Caruso,
der in Wien einem auch schon bestehenden tiefenpsychologischen Seminar
zur Diskussion von verschiedenen an Psychoanalyse interessierten Psychologen,
Ärzten, Philosophen u.a. angehörte, übernahm sowohl Patientenarbeit
als auch die Fortbildung der Mitarbeiter der psychiatrischen Station und
der neuen Ambulanz. Die damalige Ausbildung, die er einführte, bestand
bereits in der Lehranalyse, den theoretischen Seminaren und Kolloquia
sowie der angeleiteten psychotherapeutischen Arbeit mit Patienten und
den Fallbesprechungen. Die theoretischen Darstellungen und Diskussionen
fanden ihren Niederschlag in der "Blauen Reihe", so benannt
nach den blauen Einbänden, die für den Druck zur Verfügung
standen. Nach dem Rückgang Carusos nach Wien 1947 übernahm Eduard
Grünewald die Leitung der Ambulanz bis 1949, führte 1948/49
das österreichische Colleg: Arbeitskreis für Tiefenpsychologie
und verlegte 1950 den Schwerpunkt seiner tiefenpsychologischen Tätigkeit
wieder zusammen mit Neubauer in die Praxis, die er als "Institut
für Psychotherapie und Psychologie" führte. Grünewalds
Verbindung zu Caruso und dessen 1947 gegründeten "Wiener Arbeitskreis
für Psychoanalyse" blieb bestehen, so daß sich der Kreis
um Grünewald bald zum "Innsbrucker Arbeitskreis für Tiefenpsychologie"
(in Statutengemeinschaft mit dem Wiener Arbeitskreis 1957, seit 1953 bereits
als "Gruppe", ab 1976 als eigenständiger Verein) konstituierte und später im Zuge der Neugründungen
anderer österreichischer Arbeitskreise zur eigenständigen Einrichtung
wurde. In den fünfziger Jahren galt der Schwerpunkt des Innsbrucker Kollegenkreises insbesondere der psychotherapeutisch-tiefenpsychologischen Praxis, der Vertiefung der psychoanalytischen Erkenntnisse, der Lehre und Ausbildung von Kollegen und der Vermittlung des Fachwissens an andere human- und geisteswissenschaftliche Bereiche - insbesondere der Psychologie, Pastoraltheologie, Philosophie und Medizin. Im Wiener Raum verfolgte der dortige Arbeitskreis für Tiefenpsychologie gleiche Ziele und wurde bald europaweit als "neue Wiener Schule" bekannt, die sich neben der wiederaufgebauten Psychoanalytischen Vereinigung - der Gründung Sigmund Freuds - entwickelte. Als gemeinsamer theoretischer Ansatz der Arbeitskreise galt die anthropologisch fundierte Auffassung einer Theorie der Person und ihrer psychischen Entwicklung, die als "progressive Personalisation" bezeichnet wurde. Psychoanalyse wurde vor diesem Hintergrund als emanzipatorische Erkenntnis und Methode zur Befreiung und Entwicklung aus unbewußten individuellen und kollektiven Zwängen und Determinierungen verstanden. In den sechziger Jahren war die österreichweite Zusammenarbeit der
Arbeitskreise und Gruppen in gemeinsamen Tagungen den Schwerpunkten der
psychoanalytischen Theorie und Praxis gewidmet. Erste ausländische
Gruppen suchten Kontakte - wie der Berner Arbeitskreis - und insbesondere
in Lateinamerika fanden sich Kollegengruppen, die ihre Ausbildung im Wiener/Innsbrucker
Arbeitskreis machten, nicht zuletzt deshalb, weil Carusos Publikationen
vor allem in romanische Sprachen übersetzt wurden und er selbst durch
seine Gastdozenturen in diesen Ländern bekannt geworden war. In den siebziger Jahren gründeten sich der Salzburger Arbeitskreis (1971) - zunächst am Psychologischen Institut der dortigen Universität, an dem Caruso als Gastprofessor und später als Ordinarius für Klinische Psychologie, Sozialpsychologie und Tiefenpsychologie lehrte - und der Grazer Arbeitskreis (1973), an den sich die Linzer Gruppe anschloß. Bis Anfang der 90iger Jahre standen die österreichischen Arbeitskreise in engem Kontakt, veranstalteten gemeinsame Ausbildungswochen, Tagungen, Symposien und arbeiteten mit an dem Entwurf einer gesetzlichen Regelung der Psychotherapie in Österreich. Die wissenschaftlichen Inhalte der Symposien und Treffen befaßten sich sowohl mit schon anerkannten psychoanalytischen Inhalten als auch mit neueren Entwicklungen - wie z.B. Ich-Psychologie, Selbstpsychologie, Beziehungsanalyse, kritischer Sozialisationstheorie, Narzißmus, mit Kinder- und Jugendpsychoanalyse und Gruppenpsychoanalyse - sowie mit Einflüssen anderer Wissenschaften auf die Psychoanalyse - wie zB. Verhaltensforschung, Lerntheorien, Strukturalismus, Linguistik, Handlungs- und Gesellschaftstheorien. Neben den gemeinsamen Diskussionslinien verfolgte jeder Arbeitskreis
seine eigenen, historisch gewordenen Schwerpunkte und Debatten jeweils
auch entlang der Interessensschwerpunkte der jeweils anwesenden Kollegenschaft.
Im Innsbrucker Arbeitskreis spiegelte sich in der ersten Zeit seines Bestehens
die Fortführung des Bestrebens der Gründer, psychoanalytische
Erkenntnisse in angrenzende Wissenschaft und Praxis einzubringen, auch
in den inhaltlichen Schwerpunkten. Grünewald leitete den Kreis bis
1984. Seine christlich humanistische Haltung, die Basis seiner politischen
Widerstandstätigkeit im 2. Weltkrieg war, wurde zum prägenden
Hintergrund, auf dem sich die Diskussion der Psychoanalyse nahe an der
psychoanalytisch-therapeutischen Praxis zu einer personalistischen Anthropologie
verdichtete, die auch den Diskussionen im Wiener Kreis entsprach. So waren
die Richtlinien der Arbeitskreise (1957) auch für Innsbruck treffend.
Sie enthielten ein klares Bekenntnis zur Freudschen Psychoanalyse und
zugleich eine Verpflichtung zur andauernden kritischen Überprüfung
der Theorien über den Menschen, der auch in seiner sozialen und geistigen
Dimension mitbegriffen werden muß. Der Diskussionsgeschichte des IAP entsprechend findet sich auch in der Gegenwart eine reichhaltige, auch kontroversielle Debatte zu den Kernfragen der Psychoanalyse selbst in ihren klinischen Anwendungen und zu den psychoanalytischen Betrachtungsweisen von individueller, sozialer, gesellschaftlicher, kultureller und geistiger Entwicklung. So nennt der IAP in seiner Selbstbeschreibung als Ausbildungseinrichtung neben den Freud'schen triebtheoretischen Ansätzen auch die Objektbeziehungstheorien (u.a. M. Balint, O. Kernberg, Th. Bauriedl), Selbstpsychologien (H. Kohut, B. Grunberger) und Ansätze zu einem anthropologischen Individuationskonzept (I.A. Caruso, E. Neumann, V. Gradl) als seine gegenwärtigen Linien des wissenschaftlichen Diskurses. Psychodynamik und Soziodynamik menschlicher Entwicklung werden vor dem Hintergrund der individuellen Lebensgeschichte, aber auch der gesellschaftlichen Verhältnisse und der langfristigen, mythisch bebilderten Individuationsgeschichte über Generationen und Zeitalter hinweg betrachtet. Zentrum der klinischen Anwendung der Psychoanalyse bleibt dabei die Psychoanalyse des einzelnen in seiner Lebens- und Leidensgeschichte. In verschiedenen Aktivitäten zeigte und zeigt der IAP seine wissenschaftliche
Aktivität nach außen: er veranstaltet öffentliche Vorlesungen
zu Schwerpunkten der Psychoanalyse, lädt Vertreter anderer Wissenschaften
zu Diskussionen ein in seiner Reihe "Psychoanalyse im Dialog",
veranstaltet Fort- und Weiterbildungen zu allgemeinen Schwerpunkten psychotherapeutischer
Praxis für Psychotherapeuten und Psychologen und kooperiert mit anderen
psychoanalytischen, klinischen und universitären Einrichtungen vor
Ort. Alle diese beschriebenen Entwicklungen in der theoretischen Auseinandersetzung,
dem öffentlichen fachlichen Austausch und der konkreten praktischen
Anwendung von Psychoanalyse sind selbstverständlich immer vom Engagement
und dem Interesse der jeweils anwesenden Mitglieder und Funktionäre
des IAP geprägt und getragen worden. 1993 erhielt der Innsbrucker Arbeitskreis die staatliche Anerkennung
gem. österreichischem Psychotherapiegesetz als fachspezifische Einrichtung
für die Ausbildung zum/zur Psychoanalytiker/in. Gegenwärtig
zählt der Verein mehr als 50 Personen zu seinen Mitgliedern und Ausbildungskandidaten. |