Die von Sigmund Freud gegründete Psychoanalyse ist eine Wissenschaft vom unbewußten seelischen Geschehen des Menschen, seiner Entwicklung und seinen seelischen Krankheiten. Sie erforscht die unbewußten Prozesse menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns im Zusammenhang mit seiner individuellen Lebens- und Sozialisationsgeschichte unter den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen.

In ihrer Anwendung als Psychotherapie beinhaltet Psychoanalyse die Diagnose und Behandlung von Krankheiten und Störungen, denen unbewusste seelische Konflikte, psychische Entwicklungsdefizite, traumatische Erfahrungen und frühe pathogene Beziehungsmuster zugrunde liegen. Ängste, Depressionen und Zwänge in ihren verschiedenen Ausprägungsformen, Störungen der Beziehungs-, Genuß- und Arbeitsfähigkeit, Störungen im Selbsterleben und im Realitätsbezug sowie körperliche Beschwerden, die seelisch bedingt oder mitbedingt sind, gehören zu den Indikationen psychoanalytischer Therapie.

Die Psychoanalyse bedient sich in Diagnostik und Therapie ihres spezifisch methodischen Verfahrens der freien Assoziation und der Traumdeutung. Auf dem Boden der Therapeut-Patient-Beziehung werden Beziehungsmuster sichtbar und verstehbar, die von früheren Erfahrungen mitgeprägt sind und so auf ihre bewussten und unbewussten, emotionalen und kognitiven Anteile hin untersucht und bewußt gemacht werden können. Für diesen langen Prozeß der Einsicht und Veränderung sind die Rahmenbedingungen, das sogenannte Setting, vor allem die regelmäßigen, verbindlichen Termine in u. U. hoher wöchentlicher Frequenz wichtig. Die Abstinenz und Neutralität des Psychoanalytikers gibt dem Patienten Raum für seine freien Einfälle, seine Phantasien und für seine spezifische Gestaltung der therapeutischen Situation, in der die unbewußt gewordenen, verborgenen Gefühle, Haltungen und Erfahrungen aus früheren Erlebnisschichten sichtbar werden. Auf diese Weise werden dynamische Prozesse in Gang gesetzt, die mithilfe von Deutungen zu Erinnerungen, Einsichten und Veränderung führen können. Die Lebensgeschichte des Patienten wird dabei als Entstehungsgeschichte für seine Gegenwart begreifbar. Persönlichkeitsanteile, die durch die Krankheit fixiert oder abgespalten worden waren, können aufgefunden werden, in der eigenen Geschichte ihren sinnvollen Zusammenhang erhalten und in der Gegenwart verändert werden. Da seelische Erkrankung immer die Person als Ganzes erfaßt, ist das Ziel analytischer Behandlung nicht primär die Symptomheilung sondern die Veränderung der Persönlichkeit in ihrer Erlebnis-, Denk- und Beziehungsfähigkeit und in ihrer Anerkennung von Wirklichkeit. Die meist sehr komplexen Zusammenhänge psychischer Krankheit erfordern mitunter lange therapeutische Prozesse.

 

 

Psychoanalyse und psychoanalytische Psychotherapien

Die Psychoanalyse hat in ihrer über 100-jährigen Geschichte ein großes Wissen über psychische Störungen und deren Behandlung zusammengetragen. Durch die ständige Weiterentwicklung von Theorie und Anwendung der Psychoanalyse entstand ein breites Spektrum psychotherapeutischer Verfahren, die von Kurzinterventionen bis hin zu intensiven Langzeitverfahren reichen.
Kurzzeittherapien haben sich vor allem bei umschriebenen Problemen und akuten Belastungsreaktionen (z.B. krisenhafte Übergänge in der Entwicklung, traumatische Ereignisse und akute Lebenskrisen z.B. nach Verlust eines Angehörigen) bewährt. Längere Behandlungen sind vor allem dann erforderlich, wenn eine Kurzzeittherapie aufgrund der Schwere oder der Besonderheit der Störung des Patienten wenig Aussicht auf dauerhaften Erfolg hat.
In der Regel wird zwischen folgenden therapeutischen Möglichkeiten unterschieden:

Psychoanalytische Kurztherapie: 10 bis 12 Stunden

Psychoanalytische Psychotherapie: 1 bis 2 Stunden pro Woche,
ca. 1 bis 2 Jahre

Psychoanalyse: 3 bis 4 Stunden pro Woche, über mehrere Jahre

Psychoanalytische Fokaltherapie: 1 bis 2 Stunden pro Monat,
ca. 1 bis 2 Jahre

Psychoanalytische Paar- und Familientherapie von unterschiedlicher Dauer

Psychoanalytische Kinder- und Jugendtherapie gegebenenfalls unter Einbeziehung der Eltern, von unterschiedlicher Dauer

 

 

Die Psychoanalyse und ihre "Wirksamkeit"

Die therapeutische Anwendung der Psychoanalyse ist von Anfang an von Forschungsbemühungen begleitet worden. Katamnestische Studien weisen die Wirkung von Psychoanalyse nach - von der Minderung von Symptomen bis zur Wiedererlangung von Arbeits-, Genuss- und Beziehungsfähigkeit.
Da sich Psychoanalyse mit komplexen inneren Zuständen befaßt, die sich aus den emotionalen Erfahrungen der individuellen Kindheit heraus entwickelt haben, ist eine vergleichbare, quantifizierbare Auswertung psychoanalytischer Prozesse nicht möglich. Hier stoßen wir an die Grenzen dessen, was wissenschaftlich meßbar ist. Die Bewertung von Psychoanalysen muß sich daher letztlich am konkret anwesenden Menschen als Subjekt orientieren, an seiner Entwicklungsgeschichte, an seiner Fähigkeit zu selbstverantwortlichem Denken und seinen Möglichkeiten, sein Leben und seine Beziehungen eigenständig zu gestalten. Allgemeine Kriterien dafür setzen zu wollen, was als seelische Gesundheit, Wohlbefinden oder "Normalität" für alle Menschen gleich zu gelten hat, wäre unethisch.